Entstehungsgeschichte zu "Opfertränen"

Eigentlich wollte ich nach dem eher mäßigen Erfolg von „Du stirbst im Regen“ die Finger von Psychothrillern lassen. Das Genre ist einfach zu überlaufen. Warum ich diesem Vorsatz untreu geworden bin, hat persönliche Gründe. Ich habe einen Abschluss als Diplomsozialpädagoge und habe auch einige Jährchen in diesem Berufsfeld zugebracht: Obdachlosenhaus, Jugendwerkstatt, Förderschule für Erziehungshilfe und zuletzt dreieinhalb Jahre in einer großen JVA.

Insbesondere während der Knast-Episode habe ich angefangen, viele Dinge zu hinterfragen und anzuzweifeln: Warum muss ich Menschen helfen, die grauenvolle, unverzeihliche Dinge getan haben? Warum bekommen Täter eine zweite, dritte, vierte und fünfte Chance, während die Opfer traumatisiert alleingelassen werden? Warum lässt man Täter, die keinerlei Anzeichen von Reue oder Läuterung zeigen, immer wieder auf die Gesellschaft los? Und warum sind die Sicherheitsvorkehrungen in dem noch dazu schlecht bezahlten Berufsfeld der sozialen Arbeit so unterirdisch?

Ich selbst habe jahrelang hochgefährlichen Gewalttätern Auge in Auge gegenübergesessen, ohne dass jemals ein Bediensteter zum Schutz mit im Raum gewesen wäre. Grenzwertige und heikle Situationen inklusive. Irgendwann hatte ich dann einfach Schiss vor dem nächsten Tag und mein Leben insgesamt färbte sich grau.

Ich würde behaupten, diese Zeit hat mich nachhaltig verändert: Musiktexte – insbesondere Rap-Texte –, die ich früher als Entertainment betrachtet und nicht so eng gesehen habe, widern mich heute nur noch an. Ich rieche Gefahr hundert Meter gegen den Wind. Ich meide Menschen, die mir unangenehm sind, wie der Teufel das Weihwasser...

Die erste logische Konsequenz für mich lautete, all die oben genannten Fragen, die mich über Jahre beschäftigt haben, in einem Buch zu verarbeiten – am besten in einem spannenden, düsteren Thriller, der zum Nachdenken anregt. Die zweite logische Konsequenz lautete, den eigentlich unbefristeten Job zu kündigen, bevor er mich kaputtmacht. Beides habe ich umgesetzt.

„Opfertränen“ passt auf den ersten Blick nicht zu meinen anderen Büchern. Eventuell hätte ich es unter Pseudonym veröffentlichen sollen, um Irritationen bei den Lesern zu vermeiden. Auf den zweiten Blick passt das Buch dann aber doch. Auch Karl aus „Urlaub in der Apokalypse“ ist traumatisiert. Zudem ist „Opfertränen“ im typischen Krell-Stil und in der Ich-Form verfasst. Der Protagonist kämpft gewissermaßen ums Überleben, wie die Protagonisten in meinen anderen Romanen. Und wenn wir ehrlich sind, sind die Monster aus „Opfertränen“ die gruseligsten von allen – weil sie real sind.